Hochwasser am 11. August 2002


11. August 2002, Kreuzung Bahnhofstraße / Dorfstraße




Eine Wannweiler Hochwasserchronik
Die topografische Lage unseres Ortes ist wohl schuld daran, dass sich Überschwemmungen nicht verhindern lassen. Fast jede Generation hat mindestens ein gefährliches Hochwasser der Echaz oder der Bäche erlebt. Es ist müßig zu vergleichen oder Rekordhöchststände heraussuchen zu wollen. Was soll auch verglichen werden? Die Höchststände, oder die Wassermenge oder gar die Schadenshöhe? Jede Überschwemmung ist für sich schlimm genug. In der Chronik Wannweils muss nicht lange gesucht werden, auffallend oft sind große Hochwasser darin verzeichnet. Es wird 1832 berichtet, dass am 4. Juni die Echaz großes Hochwasser mitbringt und die ganze Umgebung überschwemmt. Das Wasser war so reißend, dass die Brücke an der heutigen Bahnhofstraße weggerissen wurde. Zimmermeister Stefan Gaiser wurde beauftragt, für 293 Gulden eine neue Brücke zu bauen und 10 Jahre Garantie dafür zu leisten. Zimmermann Kimmerle führte den Auftrag aus, da Gaiser verstarb. Wannweil hatte damals etwa 500 Einwohner in 70 Wohnhäusern und 26 Wirtschafts- und öffentliche Gebäude. Zwei Jahre später schon war das nächste große Echazhochwasser, diesmal wurde eine steinerne Echazbrücke weggeschwemmt. Schon am 16. Juni 1845 wird die nächste Echazbrücke von einem großen Hochwasser mitgerissen. Ein katastrophales Hochwasser suchte den Ort im Frühjahr 1853 heim. Johann Georg Wollpert schreibt in den darauf folgenden Tagen in seine hundert Jahre alte Familienbibel folgenden Eintrag:
„Anno 1853 den 12. März ist es ein solches großes Wasser gewesen, daß es auf der Straße den Pferden bis an den Bauch geloffen ist. Es lief über die Brücke einen Schuh hoch. Man sah keinen Brunnen mehr, es war alles eben im ganzen Dorfe.“
Schwere Hagelschläge vollendeten die Katastrophen dieses Jahres. Die Folge war eine Missernte und hohe Steuerausfälle der Gemeinde. Dazu kamen Ausgaben für die Instandsetzung der Brücken sowie für die Einrichtung einer örtlichen Suppenanstalt zur Linderung der Hungersnot. Ein außerordentlicher Holzhieb half, einen Teil der auf über 10.000 Gulden aufgelaufenen Schulden der Gemeinde zu mildern. 1870 wurde die Spinnerei mit 7.400 Spindeln in Betrieb genommen, ein Jahr später wurde das Wehr der Spinnerei durch ein Hochwasser zerstört. 1886 beträgt die Einwohnerzahl bereits 1.044 Seelen. Auch in diesem Jahr wird von einem großen Hochwasser berichtet. Am 20. Mai 1906 wird in den Berichten zum ersten mal ein Menschenleben beklagt. Georg Mayer schreibt in seinem 1960 erschienenen Heimatbuch:
„Der 20. Mai 1906, ein Sonntag, war ein Unglückstag, der von der lebenden Generation nicht vergessen wurde: an dem Tag starb Sattler Martin Bader. In der Nacht war ein Wolkenbruch am Albrand niedergegangen. Die Echaz schwoll an. Gegen Morgen überflutete sie die untere Dorfstraße, floss beim Schmied Gaiser auf die Hauptstraße heraus, setzte das ganze "Wasser", das heißt die Flur vom Heges an bis hinunter nach Kirchen unter Wasser. Das Ebbächle konnte nicht mehr herein und war bis hinaus in die Schnitzere ein See. Der Firstbach kam gewaltig die Insel herunter und schoss über die Brücke vom Mühlkanal weg. Die Häuser am Mühleweg standen 1,5 Meter hoch im Wasser. Es war ein phantastisches Bild, wie die Echaz daherbrauste. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ein Wagen, der hinter meines Großvaters, des Schmied Gaisers, Haus stand und im letzten Moment von meinem Vater und dem jetzigen Schmied Albert Gaiser, der damals 17 Jahre alt war, mit einer Sperrkette an einen Zwetschgenbaum in Metzger Kerns Garten angebunden wurde, weggerissen wurde und wie ein Dampfer die Echaz hinunterfuhr. Er kam gerade noch durch die Brücken durch, weil er ja immer wieder mit den Vorder-oder Hinterrädern auf den Echazboden kam. Schweine wurden unter dem Arm aus den Ställen geschleppt, das Vieh in benachbarte Scheuern gestellt. An dem Tag sollte die Fahnenweihe des Kriegervereins sein. Der Festplatz auf dem Kälberwasen stand einen Meter tief unter Wasser. Die Schiffschaukel wurde weggerissen. Das meiste Holz war später im Hof der untern Mühle. Dieser Hof glich am Nachmittag einem Schlachtfeld. Ganz schlimm war es in der Kegelbahn vom Gasthaus zum Adler, die als Wohnung eingerichtet war. Hier wollte der Sattler-Bader, der auch Feuerwehrmann war, mit anderen Männern helfen. Ganz schlimm wurde es dort, als ein Baumstamm an den Pfeiler des dortigen Stegs stieß, sich quer legte und damit die Fluten staute. Bader ging mit einem Feuerwehrhaken auf den Steg, um den Stamm loszubringen. Da riss der Strom den Steg weg. Bader kam nicht mehr heraus, stieß beim Versuch, herauszukommen, an die Betonwand mit dem Kopf und war deshalb wohl eine Zeitlang benommen. Er war ein guter Schwimmer. Aber gegen die gewaltigen Wogen half nichts. Wohl war er hinter Schmied Gaisers Haus hart daran, sich an einer Esche, die dort im Garten stand, zu fangen. Es glückte nicht. Seine Hilferufe waren vergeblich. Die Feuerwehrleute, die wie wahnsinnig von Brücke zu Brücke sprangen, um ihm zu helfen, kamen immer zu spät. Das Wasser war viel schneller. Über das Wehr zur unteren Mühle sah man ihn zum letzten Mal, gewaltig sich wehrend und zum letzten Mal rufend. Dann, in dem wilden Strudel unter dem Wehr, vollendete sich sein Schicksal.
Tage darauf fand man ihn am Wehr der unteren Fabrik. Seine Beerdigung am Sonntag, acht Tage darauf, war ein Leichenzug, wie ihn Wannweil bis dahin nie gesehen hatte. Alle Feuerwehren und Vereine der Gegend gaben ihm mit ihren Fahnen das letzte Geleit. Als der Zug vor der Kirche ankam, wo ja immer ein Lied gesungen wird, standen noch Vereine auf dem Schulhausplatz an der Hauptstraße. Denn dort draußen war sein Haus. Bader hinterließ eine Frau mit mehreren unmündigen Kindern. Um 8 Uhr ließ das Hochwasser nach. Im anschließenden Gottesdienst war die Kirche voller als je zuvor.“
Am 7. Mai 1931 wird von einem Hochwasser ähnlichen Ausmaßes berichtet. Zum Glück ohne Personenschaden. Der Sachschaden betrug 17.000 Mark. Das entspricht ungefähr dem Wert von 2 Einfamilienhäusern. Ältere Mitbürger können sich noch gut an das Hochwasser vom 1. Juli 1953 erinnern. Dieses wie auch das nächste vom 20. August 1966 standen in der Schadensbilanz den Vorgängern in keiner Weise nach. Leider wurde 1966 ein kleiner Bub vom Wasser erfasst und in den Tod gerissen. Sofort wurden Massnahmen zur Hochwassersicherung eingeleitet. Bis 1974 wurden über 6 Millionen DM in die Echaz-Korrektion investiert. Weitere 5,5 Millionen verschlang der Ausbau der Kusterdinger Straße mit Verlegung und Verdolung des Ebbaches im Jahr 1975. In der Presse wurde diese Hochwassersicherung als die größte Baumaßnahme in der Geschichte der Gemeinde Wannweil dargestellt. Der Bericht beginnt mit den Worten: „Nach menschlichem ermessen wird es in Zukunft in Wannweil kein Hochwasser mehr geben. Die Schlagzeile „In Zukunft in Wannweil kein Hochwasser mehr?“ wurde allerdings vom Redakteur mit einem Fragezeichen versehen.
Walter Ott

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