Pfarrer Schultz, Wannweil 1881

Anmerkung zu Pfarrer Ferdinand Schultz, gest. 1884 in Wannweil. Pfarrer Hier von 1850 bis 1884.

Aus alten Akten.
Als im Jahr 1900 die am 15. 0ktober 1861 eröffnete Bahnlinie Reutlingen - Rottenburg zwischen Reutlingen und Tübingen zweigleisig ausgebaut wurde kamen Italienische Gastarbeiter in großer Zahl auch nach Wannneil. Manch junger Welscher fand hier außer Brot auch eine Frau und eine neue Heimat. So auch der damals 28-jährige Domenico Giangrossi. In seinem Garten sah und kostete mein Großvater die erste Tomate seines Lebens und es hat wohl noch manches Jahr angestanden, bis in fast jedem Wannweiler Bauerngarten die fremde, südländische Frucht reifte. Lautet doch das Schwäbische Sprichwort: „Was der Bauer et kennt, des frisst er au' net."
In den vergangenen zwei Jahrhunderten war der Pfarrer die einzige studierte, weit blickende Person im Ort. Man hörte immer wieder von Pfarrern, welche in Zeiten großer Hungersnot durch Bodenverbesserungen, oder durch die Einführung neuartiger Pflanzen, die Bodenerträge steigern konnten. Schwieriger war es, den eigensinnigen Bauern zu ihrem eigenen Vorteil zu verhelfen. So schildert der schwäbische Heimatdichter Hans Reyhing in seinem Roman vom tausendjährigen Acker, wie in Bernloch .im Jahr 1782 Pfarrer Luz den Esperanbau einführte. Der Esper oder die Esparsette ist eine Hülsenfrucht, eine mit dem Klee vergleichbare Futterpflanze, welche in Europa auf kalkigen, kargen Böden eingeführt wurde.
In Wannweil wirkte in Pfarrer Schultz ein Kenner der Landwirtschaft. Pfarrer Ferdinand Schultz hielt von 1849 bis zu seinem Tode im Jahr 1884 die Pfarrstelle Wannweil inne. Er war Mitglied des Landwirtschaftlichen Vereins Reutlingen, während seiner gesamten Amtszeit bemühte er sich, neue Pflanzen einzuführen. l850 erwirbt Pfarrer Schultz von der Gemeinde ein ein Morgen großes Grundstück zur Seidenraupenzucht, vermutlich pflanzte er Maulbeersträucher. Da man nichts mehr davon hörte, ist anzunehmen, dass dieses Projekt, das Pfarrer Schultz allein im Grundstückskauf 100 Gulden kostete, misslang. Dass diese Misserfolge nicht nur klimatisch bedingt sein konnten, entnehmen wir am besten folgendem Brief, den Pfarrer Schultz am 10. August 1881 an die Oberamtsbehörde in Reutlingen richtete.

Dem Königlichen Oberamt Reutlingen
sieht sich der gehorsamst unterzeichnete veranlaßt, hiermit amtlich anzuzeigen, dass ihm in der Nacht vom 8. 9. des Monats an einem Stück des so genannten Pfarrlands ungefähr 20 - 25 Schritte von letzterem entfernt, mit Mohn bepflanzt, heuer besonders schön gerathen, circa 3 - 4 Sri. (Simri, Trockenmaß, in Württemberg 22,153 Liter) Mohnköpfe entweder mit der Sense oder Sichel abgehauen und niedergetreten worden sind, wovon H.Schultheiß, welchen ich bat sich selbst davon zu überzeugen, wie aus beiliegenden Schreiben desselben zu ersehen, Augenschein genommen hat. der gehorsamst Unterzeichnete erlaubt sich nun, Königliches Oberamt ebenso dringend als freundlich zu bitten, gütigst Vorkehrungen treffen zu wollen, die Gemeinde zu verpflichten daß ihm sowohl der gegenwärtige Verlust den er erlitten als auch jeder künftige, den er an Früchten Bäumen und Umzäunungen durch bösartige Zerstörungen erleidet von der Gemeinde ersetzt werde.
Der gehorsamst unterzeichnete, schon seit Gründung des landw. Vereins Reutlingen, Mitglied desselben, war bisher bestrebt das schöne und fruchtbare Pfarrland gleichsam als Versuchsfeld für die hiesige Gemeinde zur Nachahmung, z.B. durch Anpflanzung von Pfeffermünze, Hopfen, Senf, Wollblumen, schwarze Malven (Die bis 2 m hohe, sehr schlanke oft schwarzrot blühende Gemeine Althäe der Bauerngärten gibt in ihren Blüten ein Mittel gegen Husten.) und verschiedenen Frucht- Gras- und Klee-Arten zu benützen, allein solche Zerstörungen, wie die oben erwähnte erlittene, würden ihm den Mut lähmen, ferner mit gutem Beispiel hierin vorzugehen. Hierbei erlaubt sich der gehorsamst Unterzeichnete besonders auch auf das ungesetzliche überlaufen durchs Pfarrland und durchbrechen der Umzäunung desselben an verschiedenen Stellen aufmerksam zu machen, gegenwärtig z.B. sind es deren 5 Lücken, welche der Pfarrer im laufe des Jahres immer wieder 3 - 4 mal ausbessern muß.
Mit der gehorsamsten Bitte, Königliches Oberamt möge die geeigneten Vorkehrungen treffen, mich vor weiteren Verlusten schützen zu wollen, dadurch daß die Gemeinde verpflichtet wird, dieselben ersetzen zu müssen, verharrt mit vollkommenster Hochachtung, gehorsamster Schultz, Pfarrer.

Wannweil 10. August 1881

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