Ausflug mit der "Somaschell" 1903

Ausflug
Wie aus sämtlichen Protokollen ersichtlich, beschlossen wir auch diesen Herbst wieder einen Ausflug zu machen und zwar führte er uns diesmal auf die Alb. Es war am Sonntag den 23. August, als wir bei ziemlich ungünstiger Witterung erst das Wetter abwarten mussten, ob er überhaupt durchführbar sei oder nicht doch es konnte ja nicht sein, denn jedesmal wenn die Vereinigung einen Ausflug vorhatte, mußte ja das gute Wetter von selber folgen und so ging es auch diesmal. Punkt 7 Uhr machte ich mich auf und es stand nicht lange an, so waren sämtliche Collegen beieinander, bis auf einen, es ist dies College Mössinger, der stand noch da, in seiner alltäglichen Uniform und konnte nur sagen: „ja got m´r denn ?“ Wir konnten ihm weiter kein Gehör schenken, da die Zeit schon ziemlich vorgerückt war, also vorwärts. Bei College Kern angekommen ging es wieder so, er stand auch noch da, wie vom Bett aufgestanden. Auch ihn ließen wir im Stich und weiter gings, das Dorf entlang. Bei College Eberhardt angekommen, erwarteten uns die zwei noch rückständigen Collegen und nun ging es der Station Betzingen zu. Bisweilen wurde das am Morgen so zweifelhafte Wetter wunderschön und in diesem Sinn glaubten wir nicht anders als unseren Collegen Lumpp in Betzingen begrüßen zu dürfen, aber leider nur zu bald stellte es sich heraus, daß er uns im Stich gelassen. Aber nur die Hoffnung nicht aufgeben, kaum sind wir in Betzingen, als College Kern in stärkstem Galopp uns nacheilte und uns außerhalb des Ort´s einholte. Hier angekommen, ging College Gutbrod voraus und löste sämtliche Fahrkarten bis Gönningen. Hier auf der Station hatten wir ¼ Stunde Aufenthalt und da wir die Gelegenheit nicht hatten, einen Morgenimbiss zu nehmen, so mußten wir uns eben einmal mit nichts begnügen. Doch jetzt naht unser Zug über die Brücke und wir stiegen dann in den vordersten Wagen ein. Nun ging es ziemlich rasch über Ohmenhausen, Mähringen bis Gomaringen. Hier muß seinerzeit der Bauführer auch kein richtiges Augenmaß gehabt haben, denn wir sind auf einem schmalen Hügel. Ränke und Bückel macht die Bahn sehr viele, aber hier ist es ja ein Ding der Unmöglichkeit. Aber es ist alles weißlich eingerichtet, wir hatten einen Zugführer, der kuppelt die Maschine los und statt die ersten im Wagen, sind wir die hintersten. Nun geht es wieder weiter über Bronnweiler bis Gönningen. Jetzt ist unser Ziehl erreicht und wir stiegen aus und marschierten durch das schöne, liebliche Dorf, wo wir dann im Gasthof zur Krone einkehrten. Nach nur ganz kurzer Labung brachen wir wieder auf und außerhalb des Orts wurde besprochen wer für Roßberg oder direkt Undingen sei. Ersteres wurde vorgezogen und wir erstiegen unter Gesang und Jubel den Roßberg. Oben angekommen, bestiegen wir den Aussichtsturm, aber-aber, ich habe schon verschiedene Aussichtstürme gesehen, wie es den anderen Collegen zumut war weiß ich nicht, ich gestehe frei und offen, ich mußte mich an allen Vieren festhalten.. was wir hier für eine Aussicht hatten, das war wundervoll, nur schade, daß wir keine Fernsicht hatten, denn von dem Regen heute früh war der Horizont doch noch ziemlich ungünstig zu diesem Zwecke. Nun, wir stiegen wieder ab und gingen den steilen Berg herunter. Dieser war aber sehr gefährlich, denn von dem Regen heute früh war der Boden noch sehr durchnässt und wir mussten uns hüten, um nicht in die Tiefe zu stürzen, aber ganz wohlbehalten kamen wir wieder unten an. Hier auf diesem freien Platze beschlossen wir den nächsten Weg zu gehen. Und nun gings bergauf, bergab bis endlich dann unser außerordentliches Mitglied meinte, jetzt wäre es genug, wenn Undingen bald komme, dann:, dann:, aber nur Mut gefasst, sprachen wir ihm zu, es dauert nicht mehr lange, so ist Genkingen erreicht. Jetzt wurde auch unseres fehlenden Collegen gedacht und alle Schand und Spott wurde ihm andiktiert, dass ich absolut nicht Mössinger hätte sein wollen. Außerhalb Genkingen biegt die Straße links in eine andere ein, und welcher Anblick- wer war es denn- unser College Mössinger. Er hat sich heute früh auch aufgemacht und hat alle Kraft angewendet, aber umsonst, hier heißt es: wer nicht hören will, muß fühlen, der Zug in Betzingen fuhr im vor den Augen weg. Nun bleibt unserem Collegen nichts übrig, als mit Schusters Rappen trapp zu fahren, doch es sei genug von dem, wir haben ihn ja jetzt in unserer Mitte. Jetzt standen wir vor Genkingen, von der langen Tour sehr ermüdet begaben wir uns in das Gasthaus zur Krone wo wir uns das Pfullinger Bier vortrefflich schmecken ließen, auch wurden bisweilen Scherze geschmiegt, auch hier brachen wir wieder schnell ab und nun ging es Undingen zu. Außerhalb des Orts befindet sich eine Anhöhe auf welcher heute noch die Reste einer Ruine sichtbar sind, es war dieses eine Windmühle. Hier muß ich einen kleinen Rückblick machen auf unseren Collegen Digel, welcher die Windmühle mit großer Bewunderung musterte. Dabei traf ihn das Unglück durch Unvorsichtigkeit der Zigarre seinen bereits noch neuen Schirm halb zu verbrennen. Jetzt haben wir Undingen vor uns, schon am ersten Haus wurden wir begrüßt College Gutbrod´s Schwager. Nun liefen wir durch das schöne, liebliche Dorf und nahmen im Gasthaus zur Krone Quartier, hier nahm College Gutbrod den Vorsitz. Alsdann wurde zu Mittag gespeist. College Mössinger als Praktikus zeigte es sämtlichen Collegen wie das herausschöpfen der Nudelsuppe gehandhabt werden , aber nicht viel konnten wir abspucken, denn in der nächsten Minute füllte er Salzbüchse und was gerade in seiner Umgebung stand. (College Digel fragte ihn, welches wohl die besten Nudeln seien, da er nicht Rat und Antwort geben konnte, wurde das schwierige Rätsel von College Digel gelöst). Schallendes Gelächter erfolgte jetzt unter uns und in wenigen Minuten hatten wir das Essen hinter uns. Nun wurden wir von College Gutbrod in seiner Wohnung zu einem Caffee eingeladen, was mit großer Ehrerbietung angenommen wurde. College Frasch drückte hier seinen wärmsten Dank aus für die gute Bewirtung und er hoffe und wünsche nur dass die Familie noch viele glückliche Tage genießen dürfe. Nun ging es wieder weiter unter dem Gefolge der Familie Gutbrodt außerhalb des Orts in die Wirtschaft zum Lichtenstein. , konnten aber hier keinen Platz finden. Schnell wurde unser Glas leer getrunken und weiter ging es in die Wirtschaft zur Rose, hier nahmen wir oben in einem geräumigen Saale Platz, und nur zu bald, unter bester Harmonie, verstrich sich unsere Zeit und jetzt müssen wir ans Scheiden denken. Noch ein Glas zu uns nehmend entfernten wir uns wieder aus der Wirtschaft und außerhalb des Orts verabschiedeten wir uns von der Familie Gutbrodt und unter Geleite Gutbrodt´s Schwestern und Schwager ging es Genkingen zu. Hier wurde wieder eingestellt, im Gasthaus zur Rose wo wir ebenfalls wieder im oberen Saal Platz nahmen. Kaum sind wir ½ Stunde in bester Harmonie beisammen, als sich ein Gewitter einstellte und wir sollten jetzt aufbrechen, ohne alles weitere verließen wir die Wirtschaft. Nun fing es an, kolossal zu regnen und unter Blitz und Donner verließen wir Genkingen. Ganz durchnäßt unter dem Schirm kamen wir endlich in den Wald wo wir vor dem Regen ein wenig Schutz hatten. Nun aber geht es in Riesenschritten die ziemlich steile Steige herunter. In der ersten Wirtschaft in Gönningen schüttelten wir uns ab und nahmen wieder was zu uns. Nachher gerieten wir in einen Metzgerladen wo College Kern Rauchfleisch kaufte um auf dem langen Marsche nicht zu verhungern. Alsdann begaben wir uns auf den Bahnhof und 8.24 Uhr fuhren wir in Gönningen weg. Ich komme jetzt unter der Fahrt in den hintersten Wagen. Hier, wenn ich mich nicht irre, sehe ich wie College Mössinger ein Stück Rauchfleisch zwischen den Zähnen im Wagen herumgezogen wurde. Nachdem das Rauchfleisch und die Würste gegessen, ging es hinter den Zugführer und ich glaube es an seinen Gesichtszügen herunterzulesen, daß er uns gern los gehabt hätte. In Gomaringen angekommen wurde die Maschine wieder losgekuppelt und wir sind jetzt im vorderen Wagen. Von hier aus betrachtete College Frasch unter der Türe stehend die Maschinerie und das glocken der Maschine mit ganz besonderer Begeisterung. Jetzt will sich auch College Mössinger noch rächen für heute morgen, daß er so schnöde abgewiesen wurde, als Verteidiger wählte er Kirschbaum! In Betzingen angekommen, wurde Gelegenheit gesucht wie sich´s am besten zieme, anzuklüpfen. Geradewegs stellte sich College Kirschbaum an den Maschinenführer und fragte ihn, was er denn da für eine Pulvermühle habe, dieser, natürlich in größtem Recht, schalt ihn einen Esel und es wäre gut, wenn er sich heim scheren würde, worauf dieser (Kirschbaum) ihm erwiderte: „und a´Kuhglock hat er au noh“. Nun ich bin froh, dieses Ziel endlich erreicht zu haben. Aber den Bauch musste ich heben, vor lauter Lachen. In raschem Tempo gingen wir nun durch Betzingen der Heimat zu. Bei College Eberhardt angekommen, wurde noch eins getrunken, da es gerade nichts besonders lobenswert war so brechen wir bei der nächsten Versammlung in ein kräftiges „laßt Rasseln“ aus.
Hipp, Wannweil, den 23. August 1903
Eine Aufnahme des Betzinger Bahnhofes mit der "Somaschell" findet ihr auf der Seite "Betzinger Portfolio".

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

SV 21 Wannweil, der Weg zur I. Amateurliga.

SV Wannweil, Meister der II. Amateurliga, Gruppe 4 im Spieljahr 1969/70; Zweiter Aufstieg in die Schwarzwald-Bodenseeliga

Wannweil und seine 15 Lehenshöfe, der 4. Hof